In Heidelberg-Wieblingen bietet der Turm von St. Bartholomäus künftig Vögeln, Fledermäusen und Wildbienen ein Zuhause. Das Projekt zeigt, wie kirchliche Gebäude zu sichtbaren Zeichen für die Bewahrung der Schöpfung werden können.
Am 21. Juni 2026 wurde der Turm von St. Bartholomäus in Heidelberg-Wieblingen feierlich wieder eingeweiht. Viele Jahre war das weithin sichtbare Bauwerk eher ein Sorgenkind gewesen, zeitweise von einem Bauzaun umgeben und in weiten Teilen nicht mehr nutzbar. In seiner Predigt griff Pfarrer Jens Bader die besondere Bedeutung von Kirchtürmen auf. Über Jahrhunderte waren sie Zeichen kirchlicher Präsenz und Orientierung. Heute entstehen neue Kirchen häufig ganz ohne Turm – auch weil sich das Selbstverständnis von Kirche verändert hat.
Ein bestehender Kirchturm könne deshalb gerade heute eine neue Bedeutung bekommen:
als sichtbares Zeichen für den Willen der Kirche zur Bewahrung der Schöpfung. In Wieblingen ist daraus mehr als ein Symbol geworden. Der Turm selbst wird zum Lebensraum.
Platz ist im kleinsten Fenster
Insgesamt 15 Artenschutzmodule sind heute in Öffnungen des neungeschossigen Turmes eingebaut. Hinter den von außen eher unscheinbaren Fassadenplatten verbergen sich unterschiedlich aufgebaute Quartiere für verschiedene Tierarten. Mauersegler, Alpensegler, Haussperlinge und Stare finden speziell auf ihre Bedürfnisse abgestimmte Nistmöglichkeiten. Für Wildbienen wurden eigene Module vorgesehen. Die oberen Bereiche des Turmes können von Fledermäusen genutzt werden. Gerade die Höhe des Gebäudes und seine unterschiedlichen Ebenen eröffnen Möglichkeiten, die an gewöhnlichen Gebäuden kaum vorhanden sind. So entsteht über viele Geschosse hinweg ein kleines vertikales Angebot an Lebensräumen mitten im Heidelberger Stadtteil Wieblingen.
Eine Idee entwickelt sich weiter
Der Gedanke, den Turm für den Artenschutz zu nutzen, entstand nicht erst mit der konkreten Planung. Einen ersten Anstoß gab bereits Jahre zuvor die Glockeninspektion der Erzdiözese Freiburg. Bei ihren regelmäßigen Besichtigungen von Kirchtürmen geraten zwangsläufig auch deren tierische Bewohner und das Potenzial der oftmals wenig genutzten Räume in den Blick. Die Idee wurde später im Erzbischöflichen Bauamt aufgenommen und planerisch weiterentwickelt. Eine entscheidende Frage war dabei: Welche Arten könnten den Turm tatsächlich nutzen und wie müssen geeignete Quartiere aussehen?
Hier kam die Stabsstelle Schöpfung und Umwelt der Erzdiözese Freiburg ins Spiel. Sie unterstützte das Vorhaben im Rahmen des Hundertfüßer-Programms sowohl finanziell als auch fachlich. Ein wichtiger Beitrag war die Vermittlung des Büros Biologische Gutachten Dietz. Isabel und Dr. Christian Dietz untersuchten die Möglichkeiten am Turm und entwickelten konkrete Vorschläge für unterschiedliche Artengruppen. Dr. Reinhold John, Leiter der Stabsstelle Schöpfung und Umwelt, machte sich bereits während der Planungsphase selbst vor Ort ein Bild vom Turm und seinen Möglichkeiten. Auf Grundlage der fachlichen Überlegungen führte Architekt Robert Göhringer die Planung weiter, entwickelte die konkrete Ausführung und begleitete die Umsetzung. Die Artenschutzmodule wurden schließlich von einer Schreinerei speziell für ihren jeweiligen Zweck hergestellt und in Details wie Einflugöffnungen und Oberflächen an die vorgesehenen Arten angepasst.
Aus Artenschutz wird Bildungsarbeit
Mit dem Einbau der Module ist das Projekt nicht abgeschlossen. Gerade dieser Punkt macht den Wieblinger Turm besonders interessant. Die BUND-Ortsgruppe Wieblingen und Arbeitsgemeinschaften benachbarter Schulen wollen sich künftig gemeinsam um Kontrolle und Pflege der Artenschutzmodule kümmern. Schülerinnen und Schüler werden außerdem die für Wildbienen vorgesehenen Module mit geeigneten Nistmaterialien befüllen. So wird aus dem neuen Lebensraum zugleich ein Lernort. Kinder und Jugendliche können unmittelbar beobachten, welche Arten das Angebot annehmen und wie sich die Besiedlung des Turmes entwickelt. Damit wird der Artenschutz nicht nur am Gebäude sichtbar, sondern auch in den Stadtteil hineingetragen.
Ein Turm, viele Beteiligte
Wie viele Menschen inzwischen mit dem Projekt verbunden sind, zeigte sich wenige Wochen nach der Einweihung. Im Juli besuchte die AG Biodiversität der Erzdiözese Freiburg den Wieblinger Turm. Regine Buyer von der BUND-Ortsgruppe, Bernd Knobel aus der Kirchengemeinde, Eszter und Christoph Kleinschmitt vom benachbarten Gemeinschaftsgarten sowie Architekt Robert Göhringer stellten den Mitgliedern der AG das Projekt vor und führten durch den Turm. Im Protokoll der Sitzung findet sich anschließend auch der ausdrückliche Wunsch, die Geschichte des Artenschutzturms innerhalb und außerhalb der Erzdiözese weiterzuerzählen. Das passt zu dem Gedanken, der bereits hinter dem ursprünglichen Projekt stand: Der Wieblinger Turm soll nicht nur selbst Lebensraum schaffen, sondern auch andere auf die Möglichkeiten kirchlicher Gebäude aufmerksam machen. Gerade bei den zahlreichen Kirchtürmen der Erzdiözese sieht auch die Glockeninspektion große Potenziale. Sie kennt aus ihren regelmäßigen Begehungen viele bislang wenig genutzte Turm- und Dachräume und kann damit wichtige Hinweise geben, wo Artenschutzmaßnahmen sinnvoll weiterentwickelt werden könnten. Dieser Blick aus der Praxis soll künftig stärker genutzt werden.
Der Wieblinger Turm soll kein Einzelstück bleiben!
Mit einer neuen Förderrichtlinie für Biodiversitätsmaßnahmen möchte die Stabsstelle Schöpfung und Umwelt gemeinsam mit der AG Biodiversität dazu beitragen, dass an vielen weiteren Orten der Erzdiözese aus Kirchtürmen auch Artenschutztürme werden. Die Erzdiözese kann damit an ihren eigenen Gebäuden zeigen, wie kirchlicher Artenschutz konkret werden kann – und selbst beispielgebend vorangehen. Kirchen, Kapellen, Pfarrhäuser und insbesondere Kirchtürme bieten vielerorts Nischen, Dachräume und wenig genutzte Bereiche, die für gebäudebewohnende Arten wertvoll sein können. Der Artenschutzturm von St. Bartholomäus zeigt, was daraus entstehen kann, wenn solche Potenziale erkannt und gemeinsam weiterentwickelt werden.
Der Turm bleibt Glockenturm und kirchliches Zeichen. Aber er gibt dieses Zeichen heute auf neue Weise: indem er anderen Geschöpfen Raum gibt.
Bei weiteren Fragen oder eigenen Ideen wenden Sie sich gerne an die Stabsstelle Schöpfung und Umwelt.
(Katharina Schindelmeier;
Referentin vom Erzbischöflichen Bauamt Heidelberg, Nachhaltigkeit kirchliches Bauen)