"Mit Hirn, Herz und Humor"
Rainer Nagel aus St. Ulrich in Rheinstetten-Mörsch
Die katholische Kirche St. Ulrich in Rheinstetten-Mörsch im Landkreis Karlsruhe fällt auf den ersten Blick durch ihre Größe auf. Obwohl der Ortsteil nur knapp 9.000 Einwohner hat, ist sein Wahrzeichen schon aus der Ferne sichtbar. Mitte des 19. Jahrhundert wollte man sich mit dem imposanten Bau gegenüber dem evangelischen Karlsruhe behaupten.
Herzensthema Kirchenheizung
Dass so ein großes Kirchengebäude nicht nur Segen, sondern auch "Fluch" ist, wusste auch Rainer Nagel, der in den letzten zehn Jahren das Energiemanagement der Kirchengemeinde in die Hand genommen hatte. Er gehörte zu den Ersten, die bei der Fachstelle "Energie und Umwelt" die Schulung besuchten. Die Kirchenheizung war eines seiner Herzensthemen, er hatte dazu jüngst einen ausführlichen Artikel in der Bazar-Zeitung der Pfarrgemeinde veröffentlicht. Dabei setzte er wie bei vielen Themen nicht nur auf Aufklärung, sondern auch auf moderne Technik: Sämtliche Anlässe von der Reinigung über Chorproben bis hin zu Rosenkranzgebeten und Gottesdiensten, zu denen die Temperatur über Fußbodenheizung und Warmluftschächte von 8 auf 12,5 Grad hochgefahren wird, sind dank Nagel über ein digitales Thermostat einprogrammiert.
Einmaliges Beleuchtungskonzept
2015 wurde bei der Innenrenovierung der Kirche ein neues Beleuchtungskonzept umgesetzt. In den Bögen zwischen Mittel- und Seitenschiffen hängen keine Pendelleuchten mehr. Stattdessen wurden LED-beleuchtete Vierkantstreben eingesetzt, die in vier Richtungen strahlen. Die Ästhetik ist innovativ und modern, ohne herauszustechen oder den Gesamteindruck der Kirche zu stören. Im Gegenteil: "Die Kirche wirkt jetzt viel offener und bildet eine Einheit mit den Seitenschiffen", berichtete Nagel noch im Juli. Das sei auch den Gemeindemitgliedern aufgefallen, er habe viele positive Rückmeldungen bekommen. Allerdings hat die neue Beleuchtung bisher nicht wie erhofft zu Energieeinsparungen geführt. Obwohl die LEDs nur 15 Watt brauchen, sind die Kennzahlen beim Strom höher als vorher. Der Grund liegt auf der Hand: In so schönem Licht sieht man seine Kirche gerne zu jeder Gelegenheit, auch Nagel selbst war begeistert. Um die Nutzung dennoch auf den tatsächlichen Bedarf zu reduzieren, hatte er bereits eine präzisere Programmierung der Strahler geplant.
Neugier als Antrieb
Rainer Nagel fand es bedauerlich, dass er immer weniger selbst Hand anlegen konnte. "Früher habe ich gerade bei der Elektrik Vieles selbst gemacht", berichtete der 70-Jährige im Interview etwa einen Monat vor seinem Tod, "aber in der Zwischenzeit sind die versicherungstechnischen Vorgaben so streng, dass man lieber Fachleute ranlässt." Dabei hat er schon eingegriffen, wo die nicht mehr weiter wussten. Vor drei Jahren lief die Turmuhr nicht mehr richtig und die konsultierte Firma sagte, sie sei nicht mehr zu reparieren. Das wollte Nagel nicht glauben, sein gesunder Menschenverstand sagte ihm, dass bei einem mechanischen Laufwerk aus Messing eigentlich nichts irreparabel verschleißen kann. Kurzerhand bestieg er mit einem anderen Gemeindemitglied den Turm und beobachtete die Uhr so lang, bis sie den Defekt erkannt und behoben hatten. Das Ergebnis: Seit drei Jahren läuft die Uhr wieder einwandfrei.
Über den Tellerrand
Die Sache mit der Uhr zeigt, wie der ehemalige Fernmeldetechniker tickte: Mechanik, Technik und Handwerk im Allgemeinen faszinierten ihn. Und er wollte den Dingen auf den Grund gehen, sie durchschauen, verstehen und lösen. So war es während der Innen- und Außenrenovierung der Kirche im Laufe der Jahre für ihn als Vorsitzenden des Bauausschusses nicht nur Pflicht, sondern auch persönliche Freude, den verschiedenen Gewerken über die Schulter schauen und teilweise mitzuwirken.
Sein Blick ging so oft wie möglich über den eigenen Tellerrand hinaus. So schwärmte der Rentner von der Zeit, in der er beim Fernmeldeamt die Hochschulpraktikanten betreut hatte, einmal jährlich auch französische Auslandspraktikanten, und mit ihnen viel unterwegs war. Der Kontakt mit interessanten Menschen war ihm wichtig und gab ihm viel, etwa durch sein Engagement in der Christlichen Gewerkschaft Postservice und Kommunikation (CGPT). "Man hat natürlich Aufwand, wenn man so aktiv ist", so erklärte er, "aber es erweitert doch den Horizont." Nur "den Kaffee in der Tasse sehen und nicht, dass noch ein Henkel dran ist", wie Nagel es formulierte, war nicht sein Ding.
Unerwarteter Abschied
Noch im Juli sprach Rainer Nagel darüber, langsam Verantwortung abzugeben, wieder mehr Zeit für die Familie zu haben. Das Energiemanagement in der Kirchengemeinde hatte er bereits zunehmend Pfarrsekretärin Irene Wacker und dem hauptberuflichen Mesner Frank Bauer übertragen. Am 31.08.2017 ist Rainer Nagel völlig unerwartet und plötzlich aus dem Leben gegangen. An die große Lücke, die er hinterlässt, wird nicht zuletzt die Turmuhr erinnern, die dank seines wachen Geistes und seiner Tatkräftigkeit wieder regelmäßig schlägt.
Rainer Nagel, Rheinstetten-Mörsch
1947-2017
Beruf: Fernmeldetechniker
Von 2007-2017 Energiebeauftragter
in Rheinstetten-Mörsch (Landkreis Karlsruhe)
Gebäude der Kirchengemeinde
Pfarrkirche St. Ulrich, 1846
Kindergarten St. Martin, 1902
Pfarrhaus St. Ulrich, 1994
Gemeindehaus, 2000
Pfarrkirche St. Ulrich, 1846
Kindergarten St. Martin, 1902
Pfarrhaus St. Ulrich, 1994
Gemeindehaus, 2000
Autorin: Juliane Langer






