Das ist Bewahrung der Schöpfung in modernem Gewand

KSE Energie mit Sitz in Freiburg

Der ökumenische Versorger KSE Energie verkauft nicht nur Strom – er hilft auch Gemeinden und kirchlichen Einrichtungen dabei, die Energiewende voranzubringen.

v.l.nr.: Sandra Kindler(Pflegefachkraft), Markus Leichenauer (Geschäftsführer der Sozialstation), Dr. Jan Bergenthum (Geschäftsführer der KSE Energie), Katrin Prager (Pflegefachkraft) und Andreas Gerlach (Architekt)
Acht grüne Steckdosen in der Garage, eine für jeden Stellplatz: Die neue Zeit kommt in der Kirchlichen Sozialstation Blumberg unspektakulär daher. Die Buchsen an den Betonsäulen sehen aus wie normale Haushaltssteckdosen – und das sind sie auch. Trotzdem bieten sie die passende Infrastruktur, um künftig die Flotte neuer E-Autos zu laden, mit denen die Pflegefachkräfte der Station zu ihren Patientinnen und Patienten fahren.
 
Hinter den Steckdosen steht eine ausgetüftelte Steuerung, die dafür sorgen soll, dass die Autos zu Schichtbeginn aufgeladen sind, ihre Akkus geschont werden und so viel Strom wie möglich aus der hauseigenen Solaranlage verwendet wird. Das ist ökologisch sinnvoll und rechnet sich auf Dauer deutlich – zwei Argumente, mit denen Markus Leichenauer, der Geschäftsführer der Sozialstation, deren Träger überzeugen konnte, Teil der Energiewende zu werden. "Das ist Bewahrung der Schöpfung in modernem Gewand", sagt er.
 
Unscheinbar, aber nicht zu übersehen: die grünen Steckdosen für den grünen Strom
Elektroautos seien perfekt geeignet für die täglichen Touren des Pflegedienstes, findet Leichenauer. Ihre Reichweiten sind mit um die 200 Kilometer pro Ladung völlig ausreichend. Die Gelegenheit für den Umstieg bot im Sommer 2020 ein Neubau der Sozialstation samt eigener Photovoltaikanlage auf dem Dach. Das darauf abgestimmte Konzept für die Ladeinfrastruktur stammt von der KSE Energie. Es ist ein Beispiel dafür, wie sich die Arbeit des kirchlichen Energieunternehmens in den vergangenen Jahren weiterentwickelt hat: vom Versorger, der günstig Ökostrom und Erdgas liefert, hin zum ökologischen Dienstleister.
 
"Wir sind heute ein Instrument der Kirche zum Erreichen der Klimaschutzziele", betont Jan Bergenthum, seit 2015 Geschäftsführer der KSE Energie. Das Unternehmen arbeitet nicht gewinnorientiert, seine Kunden sind ausschließlich kirchliche Einrichtungen von Gemeinden und Kindergärten über Klöster und Seminarhäuser bis zu Senioren- und Pflegeheimen.
 
Gegründet wurde die KSE Energie 2008 von der Erzdiözese Freiburg, der Diözese Rottenburg-Stuttgart und den beiden evangelischen Landeskirchen in Baden und Württemberg. „Dass sich vier große Kirchen zusammentun – und dann noch ökumenisch – war damals einmalig und ist es in diesem Umfang leider bis heute“, sagt Johannes Baumgartner. Er war damals in der Erzdiözese Freiburg für Immobilien zuständig und sitzt seit Beginn im Aufsichtsrat der KSE Energie. Damals habe der Gedanke im Mittelpunkt gestanden, gemeinsam Energie günstiger einkaufen zu können: "Wir wollten ein ehrlicher Makler für Kirchengemeinden sein."
 
Der Preisvorteil sei wegen des veränderten Marktes nicht mehr so zentral, sagt Baumgartner, der heute im Freiburger Ordinariat die Stiftungen verwaltet. "Unser wichtigster Auftrag ist inzwischen der verantwortliche Umgang mit Energie – also beim Thema Bewahrung der Schöpfung glaubwürdig zu handeln." Das bedeute "viel mehr, als Ökostrom zu kaufen." Deshalb sei es gut, dass das anfangs bewusst sehr klein gehaltene Unternehmen nun wachse.
 
Zwölf Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter hat KSE Energie heute – vor zwei Jahren waren es nur vier; dazu kommen noch externe Partner. "Wir haben die Pubertät ziemlich schnell durchlaufen, jetzt sind wir ein junger Erwachsener...", sagt Geschäftsführer Jan Bergenthum. Als "Brot- und Buttergeschäft" liefert das Unternehmen weiterhin Ökostrom, Gas und seit einiger Zeit auch Pellets an seine Kunden.
 
Intelligenz im Kasten, die Steuerung der Ladeinfrastruktur
Immer wichtiger werden aber neue Dienstleistungen: Beratungen und Konzepte, vor allem in den Bereichen Elektromobilität und Photovoltaik. So wie bei der Sozialstation Blumberg: "Wir haben erst mal den Fuhrpark, das Nutzungsverhalten und die Infrastruktur vor Ort analysiert und auch nach der Wirtschaftlichkeit geschaut", sagt Bergenthum. Auf dieser Basis erhielt die Sozialstation ein individuelles Konzept – nach dem Motto: "So klein wie möglich, so groß wie nötig."
 
Der Ingenieur Andreas Gerlach steht in einem Kellerraum des Blumberger Neubaus. Er hat im Auftrag der KSE Energie die Infrastruktur für die E-Autos geplant. Gerlach zeigt auf einen unscheinbaren Kasten an der Wand: "In der Ladesteuerung steckt die Intelligenz", sagt er. Acht Stellplätze gibt es in der Garage, fünf weitere auf dem Parkplatz davor, jeder Platz ist mit einer Steckdose ausgestattet. Die Analyse des Fahrverhaltens habe gezeigt, dass die Autos des Pflegedienstes keine Schnellladung bräuchten, sagt Gerlach: Die Autos stehen mittags zwei Stunden und abends ab 20 Uhr an ihren Plätzen, die einzelnen Touren sind nicht länger als 100 Kilometer. "Daher reicht es, sanft über einen längeren Zeitraum mit geringerer Leistung zu laden."
 
Das schont zum einen die Akkus der Autos. Zum anderen spart es viel Geld: Eine Wallbox zur Schnellladung koste etwa 1.500 Euro, eine eventuell nötige Trafostation 50.000 Euro. "Das haben wir uns alles gespart", sagt Gerlach, "wir haben hier nur einen normalen Haushaltsanschluss und Schuko-Steckdosen mit Zulassung für Dauerlast für 50 Euro das Stück." Und eben die Ladesteuerung: Die begrenzt die Leistung und schaltet die Autos nacheinander zum Laden frei. Außerdem sorgt sie dafür, dass der Strom aus der hauseigenen Solaranlage Vorrang hat – und zwar ohne Leistungsbegrenzung.
 
Die PV-Anlage auf dem Dach der Sozialstation Blumberg
Gerlach rechnet vor: Wird Solarstrom ins Netz eingespeist, bekommt die Sozialstation eine Vergütung von neun Cent pro Kilowattstunde. Kauft sie aber Strom aus dem Netz, muss sie mehr als 25 Cent pro Kilowattstunde dafür bezahlen. Es lohnt sich also, möglichst viel des Sonnenstroms selbst zu verbrauchen. Deshalb steht auch einen Kellerraum weiter ein weißer Kasten in der Ecke: ein Batteriespeicher, der an sonnigen Tagen den überschüssigen Solarstrom aufbewahrt, damit ihn die Ladesteuerung dann nachts in die Akkus der E-Autos schicken kann. "Wir sind wirklich glücklich damit, diese Lösung gefunden zu haben", sagt Markus Leichenauer von der Sozialstation. Die Elektroautos sind schon bestellt. Für die zwei Kleinbusse der Station habe er leider noch kein bezahlbares E-Modell gefunden, sagt er. "Aber wir sind vorbereitet – und werden umstellen, sobald es das Angebot zulässt."
 
Den Einstieg erleichtert habe ihm, dass die Erzdiözese Freiburg die Beratung finanziert hat: "Das bezuschusste Konzept der KSE Energie hat uns dazu bewegt, letztlich viel mehr Geld für Nachhaltigkeit auszugeben." Bis 2030 will die Freiburger Diözese als erste in Deutschland klimaneutral werden. Daran mitzuwirken, sieht Bergenthum als wichtigste Aufgabe der KSE Energie. Die Politik hinke bei der Energiewende hinterher, weshalb die Kirchen umso aktiver werden müssten, um die Klimaziele zu erreichen. So sieht das auch der renommierte Umweltwissenschaftler Ernst Ulrich von Weizsäcker, der heute im badischen Emmendingen lebt. Er fordert: "Die Bewahrung der Schöpfung darf nicht nur ein frommer Wunsch sein. Deshalb freue ich mich, dass die Kirchen im Südwesten beim Klimaschutz mit einer eigenen Gesellschaft zur Energieversorgung auch ganz praktisch handeln."
 
Die Lösungen der Zukunft, sagt Bergenthum, seien dezentral und setzen wie in Blumberg auf Sektorkoppelung - verbinden also zum Beispiel Solarstrom und Elektromobilität: "Die Energiewende ist bisher vor allem eine Stromwende, das reicht nicht." Die KSE Energie entwickelt Standards, um Beratungen möglichst mit geringem Aufwand anbieten zu können, trotzdem sei jedes Konzept individuell: "Ein Bildungshaus mit Gästen braucht zum Beispiel ein ganz anderes Modell als eine Sozialstation."
 
Auch für Photovoltaikanlagen bietet die KSE Energie den Gemeinden und Einrichtungen inzwischen verschiedene Modelle an – von der Planung einer eigenen Anlage bis zur bloßen Verpachtung eines Daches. Solarzellen passten gut auf kirchliche Gebäude, findet Bergenthum. Schließlich gehe es dabei wie bei allen Angeboten seines Unternehmens um den ideellen Mehrwert: "Wir wollen kein Geld machen, sondern die Schöpfung bewahren."
 
Autor:  Thomas Goebel