Abstecher zur Schöpfungsgeschichte

25.11.2022 | Gemeinschaftsprojekt Hutzel-Tour und Hundertfüßerweg

Der Hechinger Stadtteil Weilheim liegt malerisch inmitten einer Hügellandschaft und zahlreichen Streuobstwiesen. Etwas mehr als 700 Menschen leben hier, die Anzahl der Obstbäume dürfte etwa doppelt so hoch sein, allein 1000 Apfel- und Birnbäume, dazu noch Kirschen und Mirabellen. Ihren Spitznamen "Hutzlabäuch" haben die Weilheimer daher, dass hier in der Gemeinde Mitte des 19. Jahrhunderts die weit und breit einzige Dörreinrichtung gestanden haben soll, so dass es möglich war, Obst zu dörren und vorrätig zu halten. "Hutzla" werden bis heute die besonders beliebten getrockneten Birnen genannt.

Was zunächst nur wie eine nette Anekdote aus der Ortsgeschichte klingt, begründet bis heute eine enge Verbundenheit von Heimatgefühl und Natur in Weilheim. Möglicherweise eine Zeitlang in Vergessenheit geraten, gibt es in den letzten Jahren eine Rückbesinnung auf diese besondere Historie: Seit 2020 unternimmt die Dorfgemeinschaft regelmäßig die sogenannten "Rettungsschnitte" am Obstbaumbestand, der nach Jahren der Vernachlässigung unter anderem durch starken Mistelbefall bedroht ist.
 
Gleichzeitig kam auch die Idee auf, einen Wanderweg durch die Streuobstwiesen anzulegen, eine "Hutzel-Tour" mit interaktiven Stationen und anregenden Informationen. "Der neue Blick für unsere Streuobstwiesen hat uns vor Augen geführt, was wir hier in Weilheim für eine Biodiversität haben", erzählt Ortsvorsteher Daniel Eberwein. Die Landschaft mit ihren Trocken- und Feuchtbiotopen für Pflanzen und Tiere zu präsentieren und gleichzeitig zu schützen, sei das Ziel gewesen.
 
Die Zusammenarbeit mit der Katholischen Kirchengemeinde St. Luzius bei diesem Projekt kam auf Umwegen zustande: Einmal Freiburg und zurück. Denn Dr. Peter Birkhofer, heute Weihbischof der Erzdiözese, war vor fast 30 Jahren für einen Teil seines Vikariats in Hechingen. "Die haben in Freiburg so ein Förderprogramm für Umweltprojekte", wusste Gemeindemitglied Daniela Schäfer und ermutigte den Ortsvorsteher, "vielleicht schreiben wir den Dr. Birkhofer einfach mal an." Gesagt, getan. Und so kam aus Freiburg der Hinweis auf das Hundertfüßer-Programm der Diözesanstelle für Schöpfung und Umwelt. Gleichzeitig war vor Ort Daniela Schäfer das Bindeglied zwischen politischer und kirchlicher Gemeinde, denn sie ist nicht nur im Gemeindeteam aktiv, sondern auch hauptberuflich in der Ortschaftsverwaltung tätig.
 
Durch die Aktivierung der Kirchengemeinde für das Ortsprojekt "Hutzel-Tour" kam viel mehr ins Rollen als nur die Förderung aus Freiburg: Der 7,6 km lange Rundwanderweg wurde durch einen etwa 1 km langen Abschnitt ergänzt, ein Abstecher von der Katholischen Kirche im Norden von Weilheim über den sogenannten "Schelmenwasen" zu einem Aussichtspunkt. Das Maskottchen des Rundwegs, die Holzbiene Holly, hat auf diesem Teil des Weges nun Verstärkung durch einen Hundertfüßer. Verstärkung in Form von Men- und Womenpower gab es aus der Kirchengemeinde, wo bekanntlich ein starkes Ehrenamt verortet ist. Die Weilheimer Ministrantinnen und Ministranten gestalteten interaktive Schautafeln für den "Hundertfüßerweg" an der Kirche. Die DPSG Pfadfinder aus Hechingen waren an einem Wochenende nach Vorbild der 72-Stunden-Aktion mit vollem Körpereinsatz dabei, hoben Löcher für die Fundamente aus, sägten, schraubten und hämmerten ein Insektenhotel sowie einen Zaun für die Aussichtsstelle. "Eigentlich wollten wir das Wochenende durcharbeiten, aber dann waren wir schon am Samstagabend fertig", erinnert sich Lukas Schneider, der zusammen mit knapp 10 Jugendlichen dabei war.
 
"Das ist schon beachtlich, was die Jugendlichen da geleistet haben", resümiert Klaus Käfer durchaus mit Stolz, denn er ist Kooperator der Katholischen Kirchengemeinde St. Luzius in Hechingen und in dieser Funktion auch für die Jugendarbeit zuständig. Für die Gruppen sei es auch ein tolles Erlebnis gewesen, solche intensiven Aktionen schweißen immer zusammen, weiß er aus Erfahrung.
 
Der Wegabschnitt an der Kirche u.a. mit einer Wildblumenwiese bietet Raum für neue spirituelle Formate wie etwa eine Impulswanderung, wie es sie gleich drei Wochen nach Eröffnung des Pfades gab. "Sowas ist auch eine Chance für Kirche, sich mal außerhalb der Kirchenmauern zu präsentieren", meint Daniela Schäfer. Inhaltlich sei die christliche Dimension des Schöpfungsgedankens ein Gewinn für das Projekt, so Ortsvorsteher Daniel Eberwein: "Dieser andere Blickwinkel ist auch im Erntedankgottesdienst am Wochenende der Einweihung deutlich geworden." Aber was unterscheidet eigentlich "Bewahrung der Schöpfung" von profanem Umweltschutz? "Auf jeden Fall nicht die Idee, man müsse nichts tun und Gott werde schon alles richten!", betont Pfadfinder Lukas Schneider. Gerade aus dem Christsein erwachse eine große Verantwortung zum Handeln, für die der Glaube und die Gemeinschaft allenfalls die notwendige Kraft verleihen könnten.
 
Autorin: Juliane Langer