Am Johannesgarten geht´s voran im Klimaschutz

Strohgedämmter Kindergartenanbau in Freiburg

Beim klimaneutralen Bauen geht die Kirchengemeinde St. Georgen-Hexental in Freiburg mit ihrer KiTa Johannesgarten tatkräftig voran – Holz, Stroh und Lehm bilden die natürlichen Grundstoffe für den Anbau, der noch in diesem Jahr einer weiteren Gruppe Raum zum Spielen, Basteln und Ausruhen bieten wird.

Direkt neben der Bahntrasse, die den südlichen Stadtteil St. Georgen in Freiburg in zwei Hälften teilt, befindet sich der katholische Kindergarten Johannesgarten. Seit langem wünschen sich Leitung und Eltern eine Erweiterung und nun endlich befindet sich ein weiterer Gruppenraum im Bau. Hier werden jedoch keine Hochlochziegel geschleppt, es türmen sich keine Plastikverpackungsfolien und es fliegen keine Styroporschnipsel durch die Luft. Es riecht nach Holz, Stroh und Erde, anstatt nach Lösungsmittel aus Kleber und Farbe. Für Kindergartenkinder sind diese natürlichen Gerüche nichts Außergewöhnliches – als Baustellenbesucher nehmen Elisa Medla und Katharina Schindelmeier (Architektinnen der Erzb. Bauämter Freiburg und Heidelberg) erstmal fasziniert die Unterschiede zu normalen Baustellen wahr.
 
Foto in den zukünftigen Gruppenraum
 
Architekt Matthias Betz führt über seine Baustelle und erzählt, wie vor allem sein langjähriges Vertrauensverhältnis zu den Verantwortlichen der Kirchengemeinde deren Entscheidung erleichtert hat, dieses Vorzeigeprojekt zu starten. Hilfreich war auch, dass in Freiburg die ausführende Firma Grünspecht als verlässlicher Partner zur Verfügung steht, die sich auf das Bauen mit Holz, Stroh und Lehm spezialisiert hat. "Das sind ganz normale Strohballen von Feldern aus der Umgebung, die zwischen die Holzrahmen gestopft wurden", erläutert Architekt Betz anschaulich.
 "Nachhaltig Bauen" heißt viele Fragen zu stellen
Die Erzdiözese Freiburg trägt in Summe Verantwortung für gute fünftausend Gebäude und deren technische Klimabilanz muss bis spätestens 2040 klimaneutral sein – eine große Herausforderung bezogen auf den Gebäudeerhalt und sämtliche Baumaßnahmen. Projekte wie die KiTa Johannesgarten zeigen mögliche Wege auf, wie sich Bauen weiterentwickeln kann, um die CO2 Emissionen des Gebäudebereichs zu senken. Nachhaltig zu bauen bedeutet dabei über die Klimaneutralität hinaus noch viele weitere Fragestellungen zu bedenken:
 
Welche Kosten fallen über den ganzen Lebenszyklus eines Gebäudes an, also nicht nur bei der Errichtung, sondern auch im Betrieb, bei der Sanierung, bei Um- und Rückbau?
 
Welche Materialien belasten die Umwelt bei der Herstellung, im Betrieb und bei der Entsorgung am wenigsten? Können die Materialien beim Rückbau wieder getrennt und idealerweise vollständig weiterverwendet werden?
 
Welche Materialien und Bauweisen erzeugen im Gebäude ein gesundes, angenehmes Raumklima?
 
Wie kann das Gebäude mit Wärme und Strom versorgt werden, möglichst ohne
CO2 dabei zu produzieren?
 
Darüber wie diese Fragen in die Planungsprozesse für alle Bauprojekte der Erzdiözese einfließen können zerbricht sich die Architektin Katharina Schindelmeier mit einer abteilungsübergreifenden Arbeitsgruppe den Kopf. Sie hat Anfang des Jahres die Projektstelle für die "Neuausrichtung des kirchlichen Bauens zur Erreichung der Klimaziele" angetreten und freut sich, dass die Kirchengemeinde St. Georgen-Hexental so tatkräftig vorangeht beim Klimaschutz.
Passive Strategien – aktiver Klimaschutz
Bei der gemeinsamen Begehung ziehen sich noch keinerlei Leitungen durch die Holzrahmenwände der KiTa Johannesgarten. Architekt Betz erzählt zufrieden, dass in diesen Anbau keine Lüftungsanlage eingebaut werden muss, weil das angenehme Raumklima auch ohne sichergestellt werden kann. Im vorhergehenden Bauprojekt in einem nahegelegenen Kindergarten konnte dies noch nicht umgesetzt werden, obwohl Einbau, Wartung und Reparaturkosten von technischen Lüftungsanlagen immer ein großer belastender Kostenfaktor sind.
 
Ansicht Innenseite Außenwand unverputzt
Wenn clevere architektonische Entwurfsideen aufwändige, teure Haustechnik unnötig machen, nennt man das in der nachhaltigen Architektur "passive Strategien".
 
Architekt Betz hat sich für die KiTa Johannesgarten ein schlaues "passives" Konzept einfallen lassen: Die Holzrahmen der Außen- und Innenwände wurden mit unterschiedlichen Materialien ausgefüllt, die jeweils bestimmte Aufgaben erfüllen.
 
Die aufgedoppelten Holzrahmen von Dach und Außenwände wurden mit 35cm starken Strohballen ausgestopft und bilden eine sehr gut gedämmte Gebäudehülle. Der Heizbedarf des Anbaus ist dadurch besonders niedrig. Die Heizungsanlage des Bestandsgebäudes bestehend aus Wärmepumpen und einem Pelletskessel für die Spitzenzeiten muss also nicht erweitert werden, sondern versorgt den Anbau zukünftig einfach mit.
Die (schwere) Masse machts! Angenehmes Raumklima durch Stroh und Lehm
Bei den zentralen Innenwänden wurden dagegen gestampfte Lehmziegel zwischen die Holzrahmen gemauert. Schwere Baustoffe wie Ziegel oder Beton funktionieren als Wärmespeicher und "puffern" Temperaturschwankungen, d.h. sie kühlen an heißen Tagen den Raum, weil sie Wärme aufnehmen und geben an kalten Tagen gespeicherte Wärme ab. Dieser Effekt fehlt häufig in reinen Holzgebäuden. 
Die luftgetrockneten Lehm-Ziegel, die ohne energiefressenden Brennvorgang hergestellt werden, puffern für den Anbau sowohl Wärme- als auch Feuchtegehalt des Raumklimas.
 
Ansicht Innenseite Außenwand Lehmverputzt, Aufmauern der getrockneten Lehmsteine
Um hohe Energiestandards wie z.B. den Passivhausstandard bei Gebäuden zu erreichen werden hochgedämmte Gebäude meistens mit automatischen Lüftungsanlagen ausgestattet, die sowohl Kosten als auch Energieverbrauch erzeugen. In der KiTa Johannesgarten erzeugen natürliche Baustoffe und normale Fensterlüftung das angenehme Raumklima auf energiesparende Weise.
 
Die begeisterten Baustellenbesucherinnen lassen sich noch viele weitere Vorteile der Holzrahmenbauweise erklären. Zum Beispiel konnte die Bauzeit im Vergleich zu einem Massivbau verkürzt werden, weil die Wandbauteile in der großen Werkhalle der Firma Grünspecht nach Maß vorgefertigt und auf der Baustelle nur noch auf die Betonbodenplatte montiert wurden. Diese flotte Ausführung gleicht den höheren Planungs- und Ausschreibungsaufwand nahezu aus, der bei einem derartigen Pilotprojekt zu erwarten ist. Seit die Wände stehen, wird Lehmputz in mehreren Schichten auf die Innenwandseiten der Strohwände aufgebracht, so dass die Strohballen vor Insektenbefall und Feuchteeinflüssen sicher geschützt sind. Auf der Außenseite sorgt eine hinterlüftete Holzfassade für den notwendigen Witterungsschutz. Lamperien schützen die Innenwandseiten im Sockelbereich vor Beschädigung und auf Brusthöhe lädt ein breiter Brettholzstreifen dazu ein, den Raum mit Kunstwerken und selbstgebasteltem Schmuck der KiTa-Kinder zu dekorieren. Wobei die Lehmoberflächen laut Architekt Betz nicht wartungsintensiver sind als übliche Wandoberflächen – die Bewährungsprobe folgt wie bei jedem Objekt im Betrieb!
 
Der Bestandsbau verfügt bereits über eine Photovoltaik-Anlage – völlig selbstverständlich wird die neu hinzukommende Dachfläche zusätzlich mit Modulen belegt und das Energiekonzept damit zu einem rundum gelungenen Projekt abgerundet. Wir sind gespannt, welche Erfahrungen im Betrieb gesammelt werden und werden darüber berichten!
Der Johannesgarten soll nicht alleine bleiben ...
Über den Bau eines Horts in ähnlicher Bauweise in der Stadt Lüneburg wird in einem Beitrag der ARD berichtet – wir bemühen uns um Rückmeldung zu dortigen Erfahrungen. Ein weiteres Großprojekt mit Strohballendämmung wurde im Kloster Plankstetten realisiert. (Siehe weiterführende Links)
 
Haben Sie Fragen zum vorliegenden Projekt oder zum nachhaltigen Bauen generell?
Kennen Sie Projekte in der Erzdiözese Freiburg, bei denen besonders nachhaltige, bauliche Lösungen geplant oder umgesetzt werden? Wir sind sehr neugierig auf Ihre Ideen und stellen sie gerne als Vorzeigeprojekte vor!
 
Melden Sie sich bei unserer Referentin für Nachhaltigkeit im kirchlichen Bauen, bei den für Sie zuständigen erzbischöflichen Bauämtern oder bei der Diözesanstelle Schöpfung und Umwelt/ Referat Umwelt und Energie.
 
Bei Fragen zur KiTa Johannesgarten können Sie sich auch gerne direkt an Architekt Matthias Betz wenden.
 
Autoreninnen: 
Katharina Schindelmeier (Referentin für Nachhaltigkeit im kirchl. Bauen, Erzb. Bauamt Heidelberg),
arbeitet seit Anfang 2024 bei der Erzdiözese und war besonders von den angenehmen Gerüchen der Baustelle begeistert.
schindelmeier@erzb-bauamt-heidelberg.de
Tel. +49 6221 1462-46
 
Elisa Medla (Architektin im Praktikum, Erzb. Bauamt Freiburg)
arbeitet seit Januar 2024 bei der Erzdiözese und ist fasziniert vom sortenreinen Bauen mit regionalen Materialien.
medla@erzb-bauamt-freiburg.de
Tel. +49 761 7909431
Links und Downloads